Der Eremit auf La Gomera – Eine inspirierende und kulinarische Begegnung

Der Eremit auf La Gomera Der Eremit auf La Gomera

Eremit leider verstorben

Als uns Mitte Januar 2013 die Nachricht ereilte dass Ernst im Alter von 59 Jahren verstorben sei, konnten wir es natürlich im ersten Moment nicht glauben. Leider bewahrheitete sich die schreckliche Nachricht nach einer kurzen Recherche im Internet und einigen Mails an Harald in die Gekkobar.

Nach einigen Momenten der Trauer war ich im Nachhinein aber sehr dankbar Ernst überhaupt getroffen zu haben, er ist immer noch einer der nettesten und gutherzigsten Personen die ich je kennengelernt habe, jemand der seinen ganz persönlichen Traum vom Glück einfach wahr gemacht hat. Und dass es zum persönlichen Glück nicht vieler (materieller) Dinge bedarf, davon konnte sich beim Eremiten zu Hause ja nun wirklich jeder überzeugen.

Eine einfache Steinhütte in einer sehr, sehr ruhigen Gegend (von hilfsbereiten Inselbewohnern beizeiten mit einem neuen Dach ausgestattet), selbst angebautes Obst und Gemüse und ein unglaublicher Blick auf den Ozean, was will man mehr???

Aber von Anfang an.

Flyer in der Gekkobar

Dass es auf La Gomera einen sogenannten Eremiten gibt, davon hörten meine Frau und ich das erste Mal in der Gekkobar, der entsprechende Flyer lag damals in der Bar aus. Harald, der Besitzer der Gekkobar, erzählte uns dass es hoch oben in den Bergen einen Mann namens Ernst gibt, der dort sehr zurückgezogen und einsam mit seinen Hunden und Katzen wohnt und hungrige Urlauber bekocht. Seine Kochkünste so versicherten uns Gäste in der Gekkobar, sollen dabei durchaus mit einer gehobenen Gastronomie mithalten können, da Ernst wohl in Deutschland jahrelang als Koch gearbeitet hatte. Harald benachrichtigte Ernst via SMS dass ihn am kommenden Tag einige Gäste besuchen wollten und ob er noch was benötigen würde.

Wir verabredeten uns dann für den nächsten Tag, kauften die von Ernst benötigten Waren ein, darunter Wodka, Bier, Brot und Kaninchenfutter und machten uns mit dem Auto auf die etwa 1 ½ stündige Autofahrt aus dem schönen Valle Gran Rey nach Los Almacigos. Luftlinie waren es wohl nur knapp 10 Kilometer, aber jeder der auf Gomera schon mal Auto gefahren ist, weiß wie lange sich die Serpentinen schlängeln können. Wenn man im Hafen von Vueltas steht, sieht man links oben auf dem Felsen einen Baum stehen, genau diesen Baum sah man auch immer wenn man beim Eremiten rechter Hand aufs Meer geschaut hat, ein schöner Orientierungspunkt und ich muss immer an Ernst denken wenn ich diesen Baum erblicke.

Wir fuhren also mit zwei Leihautos Richtung Los Almacigos, die Straße wurde zunehmend unbefestigter und steiniger und irgendwann parkten wir dann unsere Vehikel kurz vor dem blauen Schild mit der Aufschrift: „Nur noch 100 Meter zum Eremiten, Besucher immer Willkommen – Visitos always welcome“. Links von diesem Schild stand Ernst alter und motorloser Wagen, ganz in vertrocknete Palmenzweige eingehüllt. Der Motor, so erzählte uns Ernst später, wurde ihm eines Tages geklaut, seitdem steht der Wagen da und rostet still und leise vor sich hin.

Wir packten die Vorräte aus unseren Fahrzeugen aus, auf halbem Weg platzte uns natürlich ein Sack mit Kaninchenfutter und das ganze Zeug rieselte auf die Straße, was eine riesige Sauerei. Wir schleppten dann erst mal die Wodkafalschen und das restliche Proviant über einen steinigen und halsbrecherischen Weg um das Haus herum bis wir durch den Eingang auf der rechten Seite des Anwesens plötzlich vor einem lachenden Herrn mit Schnauzbart standen der uns alle herzlich begrüßte. Harald organisierte schnell ein paar Eimer damit wir das Futter für die Kaninchen aufsammeln konnten und nach wenigen Minuten saßen wir alle zusammen mit Ernst am Tisch und er schenkte uns fröhlich ein Gläschen selbstgemachten Kaktusschnaps ein, die Autofahrer unter uns bekamen einen Tee eingeschenkt.

Mein erster Eindruck: Was für eine Ruhe und was für eine Aussicht.

Unterm Tisch tollten Ernst Hunde und Katzen herum, in der Ferne hörten wir seine Hühner gackern, ansonsten war es total ruhig und nur einige hundert Meter von seinem Haus entfernt konnten man ein weiteres Haus erblicken, laut Ernst war es aber über das Jahr verteilt auch fast überhaupt nicht bewohnt. Keine Anwohner, keine Nachbarn. Die totale Einsamkeit und Stille.
Bevor Ernst uns sein, so viel darf man an dieser Stelle verraten, unglaublich leckeres Mahl kredenzte, löcherten meine Frau und ich den guten Ernesto natürlich mit Fragen die er wahrscheinlich schon sehr oft erzählt bzw. beantwortet hatte. Ernst wuchs in Österreich auf, hatte dann jahrelang in Düsseldorf als Koch gearbeitet bevor er eines Tages etwas komplett Neues machen wollte. Er hatte vom Stress der Gastro genug und wollte ein vollkommen neues Leben beginnen.

Ernst Geschichte

Ein Freund riet ihm sich die Kanarische Insel La Gomera anzuschauen, also schnappte sich Ernst alles was er hatte, brach seine Zelte 1999 in Deutschland komplett ab und machte sich auf zur Insel des ewigen Frühlings.
Bei einer Wandertour entdeckte er sein jetziges, damals noch total heruntergekommenes Zuhause, er machte die Vermieterin ausfindig, eine alte Dame die auf Teneriffa lebte und mietete das Anwesen auf Lebenszeit. Er renovierte das Haus und begann mit dem Anbau von allerlei Obst, Gemüse, Kakteen, Feigen, Kartoffeln und Kräutern. Das Anwesen verfügte weder über Strom noch über Telefon, seine einziger Kontakt zur Außenwelt und damit primäre Nachrichtenquelle sind sein Handy, seine monatliche Einkaufstour nach Playa de Santiago mit dem Bus, oder wenn ihm Besucher von Neuigkeiten die in der Welt passieren berichteten.

Solch ein Leben in einer sonst so kommunikationsüberfüllten und konsumgesteuerten Welt hätte ich nie für möglich gehalten. Stolz präsentierte er uns seinen Kühlschrank, der allerdings mit Gas funktionierte.

An manchen Tagen so berichtete er fühle er sich ganz schön einsam, weil es durchaus vorkommen könne dass ihn über Wochen hin niemand besuchte, da sind seine Hunde und Katzen seine einzigen Anlaufpunkte und Gesprächspartner. Er erzählte dass er schon Besuch von Bandmitgliedern der Toten Hosen und Brings bekommen hätte und von vielen unvergesslichen Abenden hier oben auf seiner Hütte. Seit einiger Zeit können nun auch Gäste bei ihm übernachten, dazu gibt es eine Art Gästehaus direkt neben seinem Wohnbereich in dem mehrere Personen nächtigen können.

Das 3-Gänge Menü

Nach einigen weiteren Gläsern Kaktusschnaps war es dann endlich an der Zeit für den ersten Gang, die Kaktussuppe. Was auf den ersten Blick sehr stachelig klingt, entpuppte sich als sehr köstliche Suppe aus Kaktusblättern und jede Menge Knoblauch und frischen Kräutern, die Suppe schmeckte absolut phantastisch und war trotz der sehr heißen Außentemperaturen eine willkommene Erfrischung. Leider habe ich es damals versäumt unseren Chefkoch Ernst nach dem genauen Rezept zu fragen, dann hätte ich es hier natürlich veröffentlicht. Vielleicht hat ihn jemand danach gefragt und würde mir selbiges Rezept via Mail zukommen lassen, ich bräuchte dann dazu noch eine Anleitung wie man Kakteen kultiviert und für den ungefährlichen Verzehr vorbereitet 🙂 🙂

Der Zwischengang bestand aus einer Pastete mit Brot und dann ging es schnurstracks direkt in den Hauptgang über, Ziegenragout mit Klößen und Rotkohl, ein Gedicht. Ich kann mich nicht daran erinnern jemals Rotkohl im Sommer gegessen zu haben, es war aber sehr, sehr lecker und zeigt wiedermal dass man auch mit sehr wenig Ausstattung und begrenzten Mitteln lecker kochen kann.

Zum Dessert tischte uns unser Gastgeber eingelegte Feigen mit Sahne und Schokostreuseln auf, wir konnten zwar alle schon nicht mehr aber wir aßen natürlich trotzdem auf. Nach diesem opulenten Mahl sanken wir alle pappsatt und zufrieden in unsere Stühle und genossen die Aussicht auf den Atlantik und die untergehende Sonne, einige von uns begleiteten dieses Spektakel mit musikalischer Untermalung auf Bongos und anderen Schlaginstrumenten wie Tische und Töpfe. Der Eremit genoss unsere musikalische Darbietung sehr und klopfte mit seinen Finger taktsicher auf den Tisch.

 

 

Abschied

Diverse Getränke und viele interessante Gespräche später war es an der Zeit Abschied zu nehmen. Wir alle drückten Ernst noch zum Abschied, er wünschte mir und meiner Frau weil wir uns wenige Tage zuvor verlobt hatten noch alles Gute für die Zukunft und wir alle versuchten über den steinigen und stockdunklen Weg von seinem Haus zurück zu unseren Autos zu gelangen.

Eine Person deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen bzw. schützen möchte 🙂 🙂 🙂 fiel leider auf Grund des wohl doch erhöhten Alkoholpegels in einen Kaktus und zog sich noch später zurück im Valle diverse Stachel aus seiner Hose… Meine Frau stimmte zum Abschied noch den kölschen Klassiker „Bye Bye My Love“ an, den Ernst winkend mitsang und uns verabschiedete, leider ein Abschied für immer.

Das letzte Mal dass wir was von Ernst hörten war seine Weihnachts-SMS die er an viele Freunde und Bekannte am 17.12.2012, also kurz vor seinem Tod, verschickte:

„Ueber den ozean kommen die gruesse daher
lasst euch sagen es weihnachtet sehr
ueber den palmenspitzen
sehe ich die sterne blitzen
in diesem sinne frohes fest und alles
gute für 2013 von eerneste dem eremiten“

Am 14.01.2013 ist Ernst leider Gottes verstorben, laut Berichten von anderen Urlaubern hatte er tags zuvor noch Besuch von Gästen, am Morgen des 14.01.2013 ist er dann wie gewohnt aufgestanden, hat sich an seinen Tisch mit Blick auf das Meer gesetzt und ist dann einfach tot umgefallen. Ernst, so wurde später bei der Obduktion festgestellt, starb eines natürlichen Todes.

Die Beerdigung unter Anteilnahme sehr vieler Freunde fand am 06.03.2013 statt, beerdigt wurde Ernst auf dem Friedhof von Alajero, er ruht dort in einer Grabstätte mit Blick nach Westen, auf die Huegel von Almacigos. Eine schönere Aussicht bei bestem Wetter kann man wohl als Eremit nicht haben.

Was bleibt am Ende? Eine Begegnung mit einem einzigartigen Menschen der seinen Traum wahr gemacht- und ein glückliches und ausgeglichenes Leben geführt hat. An seine Lebensfreunde, Ausgeglichenheit und Einstellung zu vielen Dingen erinnert man sich gerne zurück. Zum Glücklichsein bedarf es nicht vieler Dinge, das hat uns der Eremit gelehrt und daran werde ich mich mein Lebtag gerne erinnern. Danke Ernst, wir werden Dich nie vergessen!

p.s. Sein Anwesen hat mittlerweile neue Besitzer gefunden, unter dem Namen Gomera-Alm wurde seine Hütte renoviert und ein Besuch lohnt sich wohl allemal, wir werden uns im nächsten Jahr davon überzeugen.

Hier die Fotos von Ernst, dem Eremiten auf La Gomera